Standen Sie sich in Ihrer Karriere selber ´quer´, Herr Neururer?

Er ist das, was man eine „ehrliche Haut“ nennt. Einer aus dem Ruhrpott eben, wo man sagt, was man denkt: Peter Neururer. Sein Schnauzer ist eine Art Markenzeichen – viel mehr aber noch sind es seine markigen, authentischen Sprüche. Mit ihnen könnte man ganze Bücher füllen, ebenso wie mit Anekdoten aus nicht weniger als 16 Trainer-Stationen, 14 davon bei Erst- und Zweitligisten. „Die Droge Bundesliga fasziniert mich“, sagte er einst. Der in Marl geborene und in Gelsenkirchen lebende 63-jährige Neururer ist seit 2015 ohne Engagement im Profi-Fußball – und dennoch stets präsent. Seine Fachkompetenz ist anerkannt, sein Selbstbewusstsein auch – und natürlich sein Unterhaltungswert. „Ich beherrsche eben die Verbalerotik“, weiß er von sich selbst. Ein Gespräch. >>

Kategorie: Kulttrainer! Das ist auch irgendwie ein Titel im Fußball. Ein Titel, den nicht jeder in seiner Laufbahn erringen kann. Peter Neururer hat ihn sich redlich verdient. Mit Fußball-Herz und -Schnauze. Als aktiver Fußballer hat es für Neururer nur bis zur Amateur-Oberliga gereicht, auch durch eine Verletzung im Alter von gerade 17 Jahren gestoppt. „Nach der heutigen Regelauslegung hätte ich damals schon beim Aufwärmen die Gelbe Karte gekriegt“, weiß er rückblickend humorvoll zu kommentieren.

Damals wusste er: Um im Profifußball mitwirken zu können, muss er Trainer werden. Obwohl auch das eher unwahrscheinlich war – ihm fehlten schlicht die Kontakte – absolvierte er erfolgreich in Köln das Studium zum Diplom-Sportlehrer und erwarb die Fußball-Lehrer-Lizenz. Zu seinem sportlichen Trainer-Mentor wurde Horst Hrubesch, der ihn 1987 als Co-Trainer über Nacht zu RW Essen holte; Neururers erste Profi-Station. Der Anfang war gemacht. 619 Partien als Cheftrainer sollten bei insgesamt 14 Engagements in beiden höchsten deutschen Spielklassen folgen.

Peter Neururer, wie schwer ist es, nicht mehr als Trainer selbst aktiv zu sein – eine Aufgabe, die Sie in annähernd drei Jahrzehnten so leidenschaftlich ausgefüllt haben?

„Fußball ist das Größte überhaupt. Fußball ist für mich Leben. Ich brauch kein’ Urlaub, ich brauch nur Arbeit – am liebsten auf dem Platz.“

Hoffen Sie dennoch auf eine Rückkehr in die Bundesliga? Auf Ihrem LinkedIn-Profil ist zu lesen: „Ich warte auf entsprechende Angebote.“

„Ganz zu Beginn meiner Karriere im Profi-Fußball war ich noch schlecht vernetzt; heute haben – denke ich – eine ganze Menge Leute meine Rufnummer. Und ich habe mein Handy, mit Ausnahme auf dem Golfplatz, ständig auf Empfang. Gegen ein gutes Gespräch über Fußball und Mannschaften habe ich nie etwas einzuwenden.“

Ihre Ausbildungen sind in der Kombination beispiellos: Dipl.-Sportlehrer, Sportwissenschaftler, Geschichtslehrer, Deutschlehrer, Fußball-Lehrer, Tennislehrer, Bundesligatrainer. Da verwundert Ihre Eloquenz nicht wirklich – sie selbst haben sich mal als „Verbalerotiker“ bezeichnet.

„Ich wusste schon zu Beginn meiner Laufbahn, dass ich als Trainer mir erst einmal einen Namen machen müsse. Ich gehöre ja zu der Spezies Coach, die als Spieler keine allzu großen Meriten erlangt hatten. Zwischen all den großen Ex-Spielern, die auch auf den Trainerbänken Platz nehmen wollten, musste ich von Beginn an ´klappern´, um wahrgenommen zu werden. Eben auch schon mal mit ein paar lockeren Sprüchen.“

Standen Sie sich damit in Ihrer eigenen Karriere selber ´quer´?

„Ich weiß wohl, dass meine Art polarisiert. Manchmal hat es sicherlich auch den ein oder anderen Entscheidungsträger in den Clubs irritiert, in denen ich arbeiten durfte. Aber meine oberste Maxime bleibt nun mal: ´Schweigen ist feige´!“

Ein oft wiederholtes Zitat lautet: ´Würden wir ein Quiz unter den Trainern in Deutschland machen, wer am meisten Ahnung von Trainingslehre und Psychologie hat und der Trainer mit den besten Ergebnissen kriegt den besten Club – dann wäre ich bald bei Real Madrid´. Klingt selbstbewusst in jedem Fall. War es auch ernst gemeint?

„Im Kern durchaus. Der Satz wurde zwar oft aus dem Zusammenhang gerissen und gegen mich verwendet, aber ich stehe dazu. Und was ich ja im Grunde damit sagen wollte: Trainingslehre und Psychologie sind im Fußball nicht die einzigen Erfolgsfaktoren. Es gibt noch erdenklich viele Umstände – wie gut ist ein Club geführt, wie hoch ist der Etat, wie professionell die Infrastruktur und nicht zuletzt die unglücklichen, unverdienten Niederlagen auf dem Platz.“

Und diese zusätzlichen Faktoren haben verhindert, dass Sie jemals Bayern München oder die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft trainiert haben?

„Was hätte ich denn bei den Bayern suchen sollen? Sollte ich als 150. Trainer mit denen Deutscher Meister werden…?“

2012 erlitt Peter Neururer einen Herzinfarkt, auf dem Golfplatz, an Loch 17. Deshalb allein der Erwähnung wert, da Loch 16 auf jener Anlage so gelegen war, dass ihn Rettung in Form eines Notarztwagens wohl nicht rechtzeitig erreicht hätte. „Ich war tot. Ich weiß jetzt, wie sich der Tod anfühlt: Man fühlt nichts. Gar nichts. Kein Traum, kein Licht, keine Dunkelheit. Null.“ Seitdem dachte er um: Fitnesstraining, Verzicht auf Zigaretten und Alkohol. Bezeichnend für ihn, seine Einschätzung: „Wenn ich nicht arbeitslos gewesen wäre, wäre das nicht passiert.“ Er führte zu jenem Zeitpunkt gerade ein Leben, wie es viele wohl gerne gehabt hätten. Reisen, lange Harley-Touren und eben Golfen. Dazu ein paar TV-Auftritte. Aber: „Ich hatte keine wirkliche Aufgabe – das hat mich krank gemacht. Zu Hause habe ich Fliegen an der Wand gezählt, die gar nicht da waren. Ich bin allen auf den Geist gegangen.“

Peter Neururer, wie definieren Sie den Begriff „Glück“?

„Ich hatte großes Glück in meinem Leben. Nicht allein, dass ich den Herzinfarkt überlebt habe, überleben durfte – was an ein Wunder grenzte, mit all den Begleitumständen. Und natürlich zollt man dem Leben nach solch einer Grenzerfahrung großen Respekt und Demut. Dass ich im Grunde aber ein Glückspilz bin, wusste ich auch schon zuvor. Es war der größte Traum meines Lebens, Bundesligatrainer zu werden. Diesen Traum habe ich mir erfüllt.“

Vermissen Sie es, nie einen Titel als Trainer geholt zu haben?

„Ich hatte die Gelegenheit und Ehre, mit Clubs wie dem FC Schalke 04, dem VfL Bochum und dem 1. FC Saarbrücken aufzusteigen. Ich habe nie um die deutsche Meisterschaft gespielt, aber ich habe Mannschaften zu Aufsteigern gemacht. Ich durfte weitere Traditionsclubs wie den 1. FC Köln, von dem ich von Kindesbeinen an Fan war, Hannover 96, Hertha BSC, RW Essen, Fortuna Düsseldorf, Kickers Offenbach, MSV Duisburg oder Alemannia Aachen trainieren. Da bleibt keine Zeit, etwas zu vermissen.“

Sie gelten als abergläubisch?

„Das ist kein Aberglaube. Ich pflege das ein oder andere erfolgsorientierte Ritual…“

´Kult-Trainer´ oder ´Feuerwehrmann´ – welchen Beinamen tragen Sie lieber?

„Ich weiß nicht mal, wie genau man als Kult-Trainer definiert wird. Feuerwehrmann ist ein ehrbarer Beruf – diesen Begriff im Fußball einzuführen ist natürlich ein Medienphänomen. Es gehört nun einmal zum Trainer-Dasein, ständig begleitet, tituliert, zitiert und in Schubladen gesteckt zu werden. Apropos: Bei der Hälfte der Fälle, bei denen heute noch alle glauben, ich sei entlassen worden, habe ich eigentlich gesagt, dass ich von mir aus gehe, da ich dem Club nichts mehr geben kann.“

Noch ein Zitat von Ihnen: ´Ich kriege keine Probleme mit den Spielern. Ich bin ja selbst ein Problemfall.´

„Ja, so mancher Ausspruch hängt einem nach (lacht). Aber ich kann mich auch wirklich nicht an Probleme mit Spielern im direkten Verhältnis Trainer zu Spieler erinnern. Mag aber sein, dass heute so manch einer meine offenen Worte nicht zu schätzen weiß.“

Das Karussell Profi-Fußball scheint sich von Jahr zu Jahr schneller zu drehen, in allen Bereichen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

„Ich bin ja nach wie vor regelmäßig in den Stadien und Arenen der Republik unterwegs und ich bemerke durchaus, dass sich die Basis immer deutlicher vom Zirkus um Millionen-Transfersummen, Eventisierung und Vermarktung abwendet. Die wahren Fans spüren, dass sie nur noch Randfiguren in diesem Milliarden-Geschäft sind. Irgendwann verstehen die Menschen in der Kurve das und distanzieren sich von den Spielern und den Clubs. Das wäre das Ende für unseren wunderschönen Sport.
Und zudem wird das Produkt nicht wirklich besser. In den meisten Top-Ligen Europas – nicht zuletzt in der Bundesliga – sind die Meisterschaften ja fast schon sterbenslangweilig.“

Was sich auf die ganze Liga auswirkt?

„Klar. Wo es keinen echten Wettbewerb mehr gibt, wird auch keine Qualität gefördert und gefordert. Die Folge: das Niveau sinkt. Das ist brandgefährlich für den Fußball.“

Man spürt, Sie sind im besten Sinne ein Fußball-Traditionalist.

„Das klingt nun wieder so, als ob ich modernen Entwicklungen nicht aufgeschlossen sei. Im Gegenteil: Ich war der erste deutsche Trainer – vielleicht sogar weltweit – der mit Computer gearbeitet und Profile von über 3600 Spielern erfasst hat. Alle selbst gesichtet, im Stadion und am Fernseher. Heute eine Selbstverständlichkeit. Aber ich gebe zu, dass Clubs mit großer Tradition, ihrer Geschichte und ihren Geschichten mir mehr liegen, als Marketing-Vereine.“

Photoquellen:

Von xtranews.de – Flickr: IMG_0700.jpg, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17687703